Logopädische Praxis Richter

Selektiver Mutismus

Wenn Kinder in bestimmten Situationen nicht sprechen, werden sie zunächst für schüchtern oder gehemmt gehalten. Erst wenn sich das Schweigen über längere Zeit zeigt und z.B. mit dem Eintritt in den Kindergarten zum Problem wird, muss man der Frage nachgehen, ob vielleicht ein selektiver Mutismus vorliegt.

Wenn die Kinder im häuslichen Umfeld mit den Eltern „ganz normal“ sprechen, jedoch mit fremden Personen konsequent schweigen, könnte ein selektiver Mutismus vorliegen. Die Behandlung des Mutismus liegt im Grenzbereich zwischen Psychotherapie, Psychiatrie und Logopädie bzw. Sprachtherapie. Die Bedeutung der sprachtherapeutischen Mutismustherapie hat sich in den letzten Jahren zunehmend etabliert, im Zuge dessen, dass das Symptombild durch entsprechende Forschungen besser verstanden wird. Bei der Behandlung des Mutismus gilt es meist, einen interdisziplinären Ansatz zu verfolgen, der maßgeblich das Umfeld des Patienten aktiv in die Therapie einbezieht.

Was ist selektiver Mutismus?

Selektiver Mutismus bezeichnet das Phänomen, in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen nicht sprechen zu können, obwohl die Betroffenen grundsätzlich über die Fähigkeit zum Sprechen verfügen. Dieses Nicht-Sprechen-Können hängt dabei nicht vom Willen des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen ab, sondern wird durch die jeweilige Kommunikationssituation bedingt. Neben dem selektiven Mutismus findet man noch den weitaus selteneren totalen Mutismus, bei dem die Betroffenen keinerlei mündliche Kommunikation eingehen und meist auch keine lauten Geräusche wie Husten, Niesen, Räuspern zeigen.

Selektiver Mutismus ist zunächst für alle an der Kommunikation Beteiligten sehr verunsichernd oder beängstigend.

Was sind Ursachen für Mutismus?

Man geht heute nicht von einer einzelnen Ursache für das Auftreten des Mutismus aus. Angenommen wird eine Kombination aus einer Disposition (Veranlagung) zum Mutismus, was aus entsprechenden Studien zur familiären Häufung des Phänomens abgeleitet wird.

Hinzu kommen meist Faktoren aus der Umgebung des Kindes, die das Schweigen aufrecht erhalten. Das Schweigen verunsichert und es ist oft für Eltern und Bezugspersonen nicht leicht, zu verstehen, dass ihr Kind zu Hause „ganz normal spricht“ und im Kindergarten schweigt. Werden schweigende Kinder zum Sprechen gedrängt oder gar für das Schweigen bestraft, verstärkt sich das Phänomen durch Konditionierungsprozesse i.d.R. erheblich.

Im Rahmen einer Mutismustherapie gilt es zunächst nach Gründen für das Nichtsprechen des Kindes zu suchen und ebenso wichtig ist es zu betrachten, unter welchen Bedingungen das Kind mit seiner Umwelt in einen sprachlichen Kontakt geht und über welche Kompetenzen und Möglichkeiten der Kontaktaufnahme es dabei verfügt.

Wann beginnt selektiver Mutismus?

Meist lässt sich kein genauer Zeitpunkt für den Beginn bestimmen. Zunächst werden selektiv mutistische Kinder oft für schüchtern gehalten. Offen zutage tritt das Phänomen erst dann, wenn beim Wechsel in eine neue Umgebung (Kindergarten, Schule) das Schweigen in diesem Umfeld dauerhaft auftritt und als unangemessenes Verhalten bewertet wird. Reagiert das Umfeld dann mit Unverständnis und versucht die betroffenen Kinder zum Sprechen zu drängen, konditioniert sich schnell eine erheblich Angst- und Stressreaktion und das Schweigen verfestigt sich.

Was sind die Folgen des Mutismus?

Wenn Kinder infolge eines Mutismus nicht mit anderen Bezugspersonen außer den Eltern in Kontakt treten können, bleibt ihnen ein entscheidendes Stück Kommunikations- und Entwicklungserfahrung vorenthalten. Obwohl die Kinder z.B. zu Hause „ganz normal sprechen“ und somit ihre Sprachentwicklung normal verläuft, stagniert ein wesentlicher Entwicklungsbereich, der des pragmatisch-kommunikativen Handelns mit anderen Bezugspersonen. Wechselseitiger Dialog ist Beziehung und Beziehung die Grundlage der Entwicklung der Persönlichkeit. Neben dem verbalen Schweigen beobachtet man meist auch eine sehr eingeschränkte oder fehlende Körpersprache bzw. einen fehlenden nonverbalen Dialog.

Studien belegen, dass die Hälfte der Kinder mit selektivem Mutismus zusätzlich Entwicklungsrückstände (vgl. Kristensen, 2000; Kramer, 2007) in den linguistischen Bereichen der Sprache (Grammatik, Artikulation, Wortschatz) und in der Erzählfähigkeit zeigen.

Was ist beim Verdacht auf selektiven Mutismus zu tun?

Sprechen Sie zunächst mit Ihrem Kinderarzt. Dieser wird Sie und Ihr Kind dann wahrscheinlich an einen Fachkollegen der Kinderpsychologie oder Psychiatrie verweisen, wo eine erweiterte Diagnostik erfolgt. Sozialpädiatrische Zentren verfügen meist auch über entsprechende Möglichkeiten. Verweisen Sie in allen Gesprächen auf Ihre Beobachtungen und verdeutlichen Sie Ihre Sorgen und Bedenken.

Wurde die Diagnose selektiver Mutismus gestellt, sollten Sie mit einer geeigneten Therapeutin Kontakt aufnehmen.

Welche Therapie ist die richtige?

In den letzten Jahren hat ein Wandel im Bereich der Therapie des Mutismus eingesetzt. Je nach offensichtlichem Ursachenschwerpunkt kann eine Therapie den Bereichen der Psychiatrie, Psychotherapie oder Sprachtherapie zugeordnet werden. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen Bereiche stellt sich in vielen Fällen als erfolgreicher Weg heraus.

In einer sprachtherapeutischen Mutismustherapie wird an der kommunikativen Kompetenz als Grundlage für das In-Beziehung-Treten mit der sozialen Umwelt gearbeitet. Hierbei werden alle kommunikativen Ebenen einbezogen, um beim Kind Vertrauen in die eigene Dialogfähigkeit zu entwickeln. Dabei müssen die Grenzen des Kindes beachtet und Hilfen zur Überwindung von „Hürden“ angeboten werden. Therapeutin, Kind und Eltern treten in ein sehr kooperatives Verhältnis ein, in dem das Kind letztlich seine Möglichkeiten zur Eigenaktivität entfalten kann. Sprechen ist ein zutiefst intrinsisch motivierter Prozess und unterscheidet sich grundlegend vom „Sätze aufsagen“.

Alle Beteiligten müssen in einer Mutismustherapie zunächst lernen, das Schweigen des Kindes zu verstehen, zu akzeptieren, damit es letztlich vom Kind in Sprechen gewandelt werden kann.

Wie arbeiten wir bei selektivem Mutismus?

Bei der Behandlung des selektiven Mutismus orientiert sich unsere Arbeit vorrangig an den Konzeptionen DortMut (Dortmunder Mutismus-Therapie) und KoMut (Kooperative Mutismustherapie). Dementsprechend stehen a) der Aufbau einer sicheren therapeutischen Beziehung und b) die Einbeziehung von Eltern und Personen aus den verschiedenen Lebensbezügen des Kindes im Vordergrund. Wir verfolgen den Grundsatz der Kooperation mit allen am Prozess Beteiligten.

Neben einer differenzierten Analyse der (Kommunikations)-Biographie des Kindes und dessen Beziehungsstrukturen werden Elterngespräch und Kontaktaufnahme zum z.B. Kindergarten am Beginn der Therapie stehen.

Innerhalb der Therapiestunden mit dem Kind werden dann Bedingungen geschaffen, in denen es eine neue Erfahrung mit Kommunikation zulassen kann. Der Fokus wird dabei immer auf Sprache und neue oder erweiterte sprachliche Verhaltensweisen gerichtet sein. Das Vorgehen ist hierbei sehr individuell an der Ausgangssituation und den Interessen bzw. Impulsen des Kindes ausgerichtet. Blockierende kommunikative Muster sollen eine Veränderung erfahren und den Weg für interaktive Muster öffnen (vgl. Literat. 2). Wichtig ist uns in diesem Prozess, die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Kindes (seine Ressourcen) herauszuarbeiten und mit ihm gemeinsam sprachliche Hürden zu nehmen. Da die Therapie immer mit den Eltern gemeinsam stattfindet, können diese sofort schrittweise Veränderungen in den Alltag tragen.

Verfügt das Kind im engeren therapeutischen Raum über neue Handlungsmöglichkeiten, werden diese Schritt für Schritt in weitere Lebensbereich des Kindes (Großeltern, Kindergarten, Schule, Freunde, …) übertragen.

Der Verlauf der Mutismustherapie und der zeitliche Aufwand sind von Kind zu Kind sehr unterschiedlich.

In fachlich-therapeutischen Fragen stehen wir im Austausch mit Fachkolleginnen, u.a. Mutismusnetzwerk des Sprachtherapeutischen Ambulatoriums der TU Dortmund (K. Barfeck-Wichitill), KoMut – Stilleben e.V. Hannover (u.a. J. Kramer) und B. Freerk aus Lüneburg.

Je nach Wohnort der Familien können wir eine Mutismustherapie in Leipzig oder Borna (b. Leipzig) anbieten.

Wichtige Sofort-Regeln im Umgang mit selektiv mutistischen Kindern:

Wenn Sie selektiv mutistischen Kindern begegnen, wird Sie das u.U. verunsichern. Folgende Gedanken / Regeln können Sie sofort beachten, um für sich und das Kind die Situation zu erleichtern.

  • Die mutistischen Kindern schweigen nicht absichtlich / willentlich. Selektiver Mutismus ist kein „Trotz“-verhalten.
  • Schweigende Kinder dürfen nicht für das Schweigen bestraft werden, vermeiden Sie „wenn Du - dann Du“ Situationen.
  • Kinder, die situativ schweigen, sollten nicht zum Sprechen gedrängt werden, auch nicht zu Begrüßungsritualen „Gib doch mal ….. die Hand und sag Guten Tag.“
  • Die betroffenen Kinder sollten nicht Vorführsituationen ausgesetzt werden (Gedichte aufsagen vor der Gruppe, beim Elternnachmittag auf der Bühne stehen, Blumenstreuen bei einer Hochzeit) – auch nicht, wenn Ihnen diese Aufgaben als sehr leicht erscheinen.
  • Nichtsprechen ist eine Form des Ausdrucks für das Kind. Es musste diese Form wählen, weil es irgendwann einmal als der beste Weg erschien
  • Versuchen Sie zunächst behutsam herauszufinden, auf welchem Weg Sie dem Kind den Kontakt erleichtern können.
  • Schweigende Kinder brauchen umso mehr das Gefühl von Vertrauen und Sicherheit in Beziehungen.

Zum Weiterlesen

  • Hartmann, B.; Lange, M. (2010). Mutismus im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (Ratgeber). Idstein: Schulz-Kirchner (5.Auflage)
  • Subellok. K, Katz-Bernstein, N., Bahrfeck-Wichitill, K., Starke, A. (2012). DortMut (Dortmunder Mutismus-Therapie): eine (spracht)herapeutische Konzeption für Kinder und Jugendliche mit selektivem Mutismus. LOGOS interdisziplinär (2/12)
  • Kramer, J. (2007).Der selektive Mutismus – Eine Störung der Sprachentwicklung. LOGOS interdisziplinär (4/07)

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